Links

RSS-Feed

mairisch Newsletter

Newsletter abonnieren

mairisch bei Facebook

Zuhören, bis ich ihre Sprache verstehe

Hannes Köhler war in den letzten zwei Monaten Stadtschreiber von Kitzbühel. Die Porsche-Dichte soll recht hoch gewesen sein, dort, haben wir gehört. Jetzt ist er wieder zurück und hat einige Fotos mitgebracht und einen kurzen Text über die Berge.

Am Lebenberg
von Hannes Köhler

Am Lebenberg erhebt sich das Schlosshotel über dem Ort, ein schlichter und doch eleganter Bau, ein weißgetünchtes Rechteck mit kleinen, roten Spitztürmchen samt Fahnen an den Seiten, der doch nur noch wie Folklore erscheint, gegen den langgezogenen Neubau, dessen Verschalung aus Stahl, Holz und Glas Eleganz ausstrahlen soll, ohne mich damit restlos zu überzeugen. Hinter dem ersten Anbau wächst schon die nächste Erweiterung empor, gelbe Kräne drehen sich über Beton, der aus dem alten Schlossgebäude endgültig einen alten Eckzahn in einem künstlichen Gebiss machen wird.
Die Sonne steht tief über den Ausläufern des Hahnenkamms, ihre Strahlen sind über den Baumwipfeln so deutlich zu erkennen, als könnte man hineingreifen, wenn man auf der Südseite des Tals stünde, unweit der weitläufigen Häuser, die sich dort an den Hang schmiegen. Der Weg vom Lebenberg hinab führt eine Straße entlang, auf deren linker Seite mehrere kastenförmige Neubauten gerade von Handwerkern auf Vordermann gebracht werden. Mehrere Kleinbusse stehen in den Auffahrten oder auf den Parkplätzen; Elektriker, Klempner und ein Gärtnerservice, dessen Angestellte mit langen Teleskopscheren die Bäume zurechtstutzen. Auf der rechten Seite folgen einige Neubauten, die ganz im alten Stil gehalten sind, das Holz dabei aber viel zu hell, die Dächer zu groß und ausufernd, als wolle man frühere Zeiten nachträglich mit Zuckerguss glasieren.
Nur wenige Meter die Straße hinunter, steht auf dem Gehweg ein Mann in Jogginghose und Unterhemd, eine Plastiktüte in der linken Hand. Er bückt sich, klaubt etwas vom Boden, betrachtet den Gegenstand und steckt in nach einem kurzen Augenblick in seine Tüte. Nach einigen Sekunden wiederholt er den Vorgang. Seine Haare, die auf eine schmutzige, fast klebrige Art grau sind, stehen seitlich vom Kopf ab wie Flügelstümpfe. Als ich näherkomme erkenne ich, dass der Mann, der vielleicht sechzig Jahre alt sein mag – es ist wirklich schwer zu sagen – die ersten Blätter einsammelt, die von der Birke vor seinem Haus in seinen Vorgarten und auf seine Auffahrt gesegelt sind, als erste Vorboten des Herbstes, der sich selbst noch nicht traut, obwohl es bereits Mitte Oktober ist.
Der Mann wendet sich mir zu. Eine Brille mit runden Gläsern ist auf seine Nasenspitze gerutscht, der Mund scheinbar vor Anstrengung geweitet. Wo seine Zähne sein sollten klaffen teilweise schwarze Leerstellen und aus dem Rachen dahinter tönt es jetzt, seltsame Laute, die aufbrausen und abebben wie ein Herbststurm, ein Japsen, Gurgeln und Keuchen, und es dauert eine Weile bis ich begreife, dass der Mann mit mir spricht, dass der kehlige Singsang, den er in meine Richtung schickt Worte sind, die sich zu unverständlichen Klangwellen verbinden. Und obwohl ich den Akzent vor Ort eigentlich gut zu verstehen glaube, stehe ich völlig ratlos vor seiner Sprache, nicht einmal in der Lage zu erkennen, ob meine Ohren wirklich zu ungeübt sind, oder aber – und auch das halte ich nicht für ausgeschlossen – ob mir hier eine Sprache präsentiert wird, die nur ihr Schöpfer selbst verstehen kann.
Dann hebt der Mann seine Hand, in der er ein kleines gelbes Blatt zwischen Daumen und Zeigefinger hält. Dazu redet er ununterbrochen, seine Augen folgen jeder meiner Bewegungen und ich meine zu hören, dass sein Gesang eine zornige Melodie annimmt.
In seinen Augen flackert etwas, das Wahnsinn sein könnte oder der Zorn über mein Unverständnis gegenüber seinen Sätzen, die einen Körper bilden, an dem mein Verstand abgleitet. In diesem Moment öffnet sich die Tür des Hauses und unterhalb des Geweihs, das darüber befestigt ist, kommt das runzlige Gesicht einer Frau zum Vorschein, deren Blick hektisch zwischen mir und dem Mann hin und her springt. Die Alte lehnt ihren gebeugten Oberkörper gegen den Türrahmen, fast scheint es, als könne sie sich selbst kaum auf den Beinen halten, als ziehe der Boden mit einer unbändigen Kraft an ihr. Sie hat ein Wollkleid an und über den Schultern einen großen Schal liegen, den sie vor ihrem Schlüsselbein mit einer Hand zusammenhält. Ihr Gesicht hat hinter all den Falten beinahe etwas Jugendliches, als könnte sie diese Fassade des Alters jederzeit abstreifen, sich aufrichten und jung und mit geradem Rücken ihr Haus verlassen. Gleichzeitig aber liegt in ihren Augen ein uralter und trauriger Ausdruck. Sie zieht den Kopf ein wenig zurück in den Schatten, während der Mann – ihr Mann, denke ich – weiter seine wütende Arie singt.
Ich beschleunige meine Schritte und als ich den Alten passiere, erwarte ich fast eine Reaktion, befürchte, dass er nach mir greifen oder gar schlagen könnte. Aber er steht nur, jetzt schweigend, und betrachtet mich, die Tüte in der linken Hand zu Boden gesunken, das kleine, gelbe Blatt noch immer in der rechten. Auch der Blick der Frau verfolgt mich, ich bin sicher ihn auf meiner Schulter zu spüren als ich flüchte, sonderbar erschrocken über dieses Paar, das sich sein Haus zwischen den Neubauten erhalten hat, aus der Zeit gefallen wie zwei Hexer, denke ich, und schreibe diesen albernen Gedanken der Tatsache zu, dass ich erst vor wenigen Tagen hier angekommen bin.
Nach einigen Metern kommt mir auf meiner Flucht eine Frau in Blazer und enger Jeans entgegen, ein Seidentuch vor dem Hals geknotet, am einen Arm eine große Ledertasche, am anderen eine kurze Leine, an der ein Windhund zieht. Sie, die vielleicht Mitte dreißig ist, die kräftige Farbe in ihrem Gesicht macht es schwer verlässlich zu schätzen, fängt meinen Blick auf, der über meine Schulter, vom Haus der beiden Alten, bis zu ihr gewandert ist. Auch sie betrachtet jetzt den Mann mit der Plastiktüte, ich kann in ihren Augen erkennen, wie sie seinen Bewegungen folgt. Und dann bleibt sie stehen, schüttelt den Kopf, mit weit geöffneten Augen, als könne sie selbst nicht glauben, was dort vor sich geht. Und mit einer glockenhellen Stimme sagt sie:
„Ach, diese Verrückten!“
Dann zieht sie ihren Hund an mir vorbei und mit ihm eine Duftwolke, ich drehe mich mit ihr, mit dem hellen Klicken der Absätze. Ich sehe, wie sie die Straßenseite wechselt und die Steigung des Lebenbergs hinauf in Richtung Hotel geht. Und ganz plötzlich, von irgendwo, steigt der Wunsch in mir auf, die Straße selbst wieder empor zu gehen, mich zum Alten zu gesellen und ihm dabei zu helfen, seine Auffahrt von Blättern zu befreien, mich nach getaner Arbeit neben ihn und seiner Frau auf eine Bank vor das Haus zu setzen, und den beiden solange zuzuhören, bis ich ihre Sprache verstehe.

 

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0