Links

RSS-Feed

mairisch Newsletter

Newsletter abonnieren

mairisch bei Facebook

Florian Wacker - "Muffe"

Nächste Woche erscheint Florian Wackers Erzähldebüt "Albuquerque". Vierzehn großartige Geschichten, allesamt über einfache Leute - Busfahrer, Bauarbeiter, Maler, Pfleger - die aber alle eine Idee davon haben, was es bedeutet, wirklich intensiv zu leben.

Florian Wacker
Albuquerque
Erzählungen
Hardcover inkl. E-Book!
Leineneinband
160 Seiten | 16,90 €
ISBN 978-3-938539-32-3
1. September 2014

 

-> bestellen im mairisch-Shop

Vorab bringen wir heute hier die Erzählung "Muffe". Viel Spaß!

MUFFE

 

von Florian Wacker

 

Ich kannte Muffe gerade mal ein Jahr, vielleicht warens auch ein paar Tage länger, und jetzt stehe ich hier auf dem kleinen Friedhof am Rand des Stadtparks und rauche hastig noch eine Zigarette, bevor es losgeht. Ich schwitze in meinem Anzug. Der ist geliehen, denn ich gehe eigentlich nie auf Friedhöfe oder zu Hochzeiten. Für so einen Tag auf dem Friedhof ist es auch viel zu heiß. Auf dem Weg bin ich am Freibad vorbeigekommen und hab das Geschrei der Kinder gehört, es roch nach Sonnenmilch und Chlor, und ich dachte, eigentlich passt das gar nicht. Aber jetzt denke ich, dass das gar nicht so schlecht ist, denn warum muss es auf Friedhöfen immer nur regnen und Wind geben, ist doch viel schöner mit Sonne und Vögeln und Schwitzen. Ich stehe hinter einem Baum, die anderen sollen nicht sehen, dass ich rauche und aufgeregt bin und überhaupt nicht weiß, was ich gleich sagen soll, obwohl ich mir einen kleinen Zettel mit Notizen in die Tasche gesteckt hab, wann er geboren wurde und so weiter. Aber irgendwie kommt mir das lächerlich vor, sowas gleich zu sagen, weil das eh jeder von denen weiß. Das ist ja Muffes Familie. Vor der Kapelle versammeln sich ein paar Leute. Das müssen sie sein. Ich trete die Kippe aus, streiche das Jackett glatt, dann gehe ich rüber.

 

Also, eigentlich hab ich ihn gar nicht richtig gekannt, den Michael, vielleicht wars ein Jahr, keine Ahnung. Muffe - ich werd ihn jetzt nicht mehr Michael nennen sondern Muffe, weil wir ihn alle so genannt haben: Muffe, weil das eben sein Name war, eigentlich hat niemand zu ihm Michael gesagt, nie - also den Muffe hab ich in der Funkergruppe kennengelernt. Ich war auch noch nicht lange da und als dann Muffe kam, wusste ich, dass ich auch dabeibleiben werde. Er war ein guter Funker, er hat das immer sehr ernst genommen mit diesem Codex, dem Ham Spirit. Er hat oft davon geredet, dass die Funker Pioniere sind, weil für uns Funker gibt es sowas wie das Internet eigentlich schon immer, wir haben mit Moskau gefunkt, mit Havana, mit Peking, bevor das mit den E-Mails losging.

 

So richtig gekannt hab ich Muffe trotzdem nicht. Wir haben uns zu Beginn nur in der Funkergruppe gesehen, später dann auch im Gambrinus, aber die meiste Zeit eigentlich in der Funkergruppe. Muffe hatte schon ein beträchtliches Fachwissen, er hat ja auch diese Artikel für den Funkamateur geschrieben, er konnte das gut. Jetzt stehe ich in der prallen Sonne und schwitze. Die Familie hat entschieden, dass Muffe verbrannt wird und dann in so ein Urnengrab kommt. Das sieht ein bisschen aus wie ein Regal, wo jede Urne ihre eigene Schublade hat. Davor stehen wir. Eine Kerze brennt, aber das ist kaum zu sehen. Ich habe einen ganz trockenen Mund, ich versuche langsam und deutlich zu sprechen, aber manchmal geht es einfach nicht weiter, dann starre ich auf den Zettel, eigentlich starre ich durch den Zettel hindurch auf den Kies und frage mich, wie das alles kommen konnte, warum es gerade Muffe sein musste, gerade der.

 

Es war nach ein paar Wochen, als mich Muffe zum ersten Mal zu sich nach Hause eingeladen hat. Ich war schon aufs Fahrrad gestiegen, als er sich einfach vor mich gestellt hat und sagte: »Also am Samstag kommst du zu mir. Ich koche was, da sind auch andere Freunde. Und es gibt eine Überraschung.«

 

Also hab ich genickt. Am Samstag hab ich mir dann ein Hemd und eine gute Jeans angezogen und bin mit der Straßenbahn gefahren, denn ich wollte da nicht verschwitzt ankommen. Ich bin auf dem Weg nochmal schnell bei Kaufland rein für eine Flasche Wein, ich dachte, dass man das so macht, wenn man irgendwo zum ersten Mal eingeladen ist, ein kleines Geschenk. Obwohl ich Muffe ja bereits gekannt hab, war ich doch ziemlich aufgeregt, als ich unten vor der Tür stand und gewartet hab, dass er aufmacht. Als ob ich ein Date hätte, was natürlich lächerlich ist, aber so hat es sich angefühlt. Muffe war sehr nett zu mir, hat den Wein genommen und mich seinen beiden Freunden vorgestellt. Vielleicht hätte ich da schon was ahnen können, aber das ist mir erst später eingefallen, als ich um Mitternacht in der Bahn nach Hause saß. Da wurde mir klar, dass die roten Lippen von einem der Freunde gar nicht entzündet waren. Muffe hat Risotto mit Pilzen gemacht. Er hat mir auch sein Zimmer mit der Funkstelle gezeigt, wir haben ein bisschen gefachsimpelt, dann war das Thema aber für den Abend erledigt. Zum Nachtisch gabs Vanillecreme mit Erdbeeren. Muffe hat viel gelacht und viel getrunken. Dauernd ist er auch aufgestanden, um irgendwas zu holen oder wegzuräumen. Irgendwann hat er gesagt: »Jetzt gibts eine Überraschung«, und dann ist er für eine halbe Stunde verschwunden. Ich bin in der Zeit aufs Klo, da hab ich Muffes Stimme aus dem Schlafzimmer gehört, er hat mit einer Petra gesprochen, ich dachte, er telefoniert. Dann kam eine Frau ins Wohnzimmer. Ich hab weder die Klingel gehört noch die Haustür. Die Frau ist zu mir gekommen, sie hat gelächelt und mir die Hand gegeben. Da hatte ich Petras Hand und Muffes Hand gleichzeitig. »Ich bin die Petra«, hat sie gesagt. »Schön, dass wir uns mal kennenlernen.«

 

Der Pfarrer sagt noch ein paar Worte, ein Gebet, aber ich höre nicht mehr hin. Ich kneife die Augen zusammen, merke, dass ich Kopfschmerzen kriege. Wir sind zu fünft, mit dem Pfarrer. Muffes Freunde, die ich an dem einen Abend kennengelernt und danach noch ein paar Mal im Gambrinus getroffen hab, sind nicht da, auch keiner von den Funkern. Ich frage mich, warum sie nicht gekommen sind und dann denke ich, dass das mit dem Tod eben keine einfache Sache ist und jeder anders damit fertig wird. Jetzt ist es auch schon vorbei. Der Pfarrer gibt jedem von uns die Hand und nickt, dann geht er. Ich bleibe noch, setze mich auf eine Bank und zünde mir eine Zigarette an. Auf Friedhöfen ist das Rauchen verboten, aber das ist mir gerade scheißegal. Ich beuge mich vor, starre auf meine Turnschuhe. Ich hatte keine anderen schwarzen Schuhe, außer diesen alten Adidas-Tretern.

 

Jemand setzt sich neben mich, es ist die Frau, die auch bei der Beerdigung war. Sie sagt: »Hallo«, sie sagt: »Ich bin Muffes Schwester Sabine.« Wir geben uns die Hand, ihre Finger sind kalt, meine sind schwitzig.

 

»War schön, was du gesagt hast.«

 

»Ich kannte Muffe ja kaum«, sage ich.

 

Da lächelt sie und schaut zur Seite. »Manchmal kennen die dich am besten, mit denen du nur ein paar Worte geredet hast«, sagt sie, und ich denke, dass sie recht hat. Sie fragt, ob ich noch Lust habe, eine Limo mit ihr zu trinken. In der Nähe gibt es das Stadtpark-Café, dahin gehen wir, setzen uns unter einen der Schirme und bestellen Limo. Sabine kommt mir jünger vor als Muffe, aber ihr Gesicht gleicht dem ihres Bruders, ein schmales, nachdenkliches Gesicht, sie ist jetzt nur etwas bleich. »Für uns alle war das ein Schock«, sagt sie und nippt an ihrer Limo, und ich sage, daß ich das gut verstehen kann. »Mutti hat ihn nur angestarrt«, sagt Sabine. »Sie hat überhaupt nichts zu ihm gesagt, nie wieder. Ich hab ihn gefragt, ob er das wirklich will, ob er sich wirklich sicher ist, und Muffe hat gesagt: Es ist ein beschissenes Gefühl, das ganze Leben in einer Hose zu stecken, die dir nicht passt. Mein ganzes Leben ist falsch herum.«

 

Sabine sieht hinüber zu den Parkwiesen, ich rühre mit dem Strohhalm in der Limo herum. »Ich habs trotzdem nicht verstanden«, sagt Sabine.

 

Ich denke, dass Muffe mein Freund gewesen ist. Vielleicht nicht der allerbeste, vielleicht nicht der, mit dem ich jeden Scheiß hätte durchziehen können, aber er war ein Freund, das steht für mich fest. Verstanden hab ich das mit Muffe und Petra auch nicht ganz, aber ich hab ihn auch nicht damit aufgezogen oder sonst was dazu gesagt, und das hat ihm, glaube ich, gefallen, dass ich ihn behandelt hab wie jeden anderen auch. Wenn wir uns im Gambrinus getroffen haben, dann war er Muffe, der Funker. Dann haben wir durch den Amateurfunker geblättert und unser Bier getrunken. Manchmal bin ich auch zu ihm nach Hause. Meistens hat mir dann Petra aufgemacht und mich kurz umarmt. Sie war etwas schüchterner als Muffe, aber ich mochte sie, weil sie immer gelacht hat, praktisch über alles, was ich gesagt hab. Wir haben oft auf dem Balkon gesessen und geraucht, und Petra hat mir erzählt, wie das geht mit dem Mascara und dem Kajal, und dann hat sie mir ihre Wäsche gezeigt und gesagt: »Da passen bald meine Möpse rein«, und wir haben die Büstenhalter mit Orangen getestet. Zu den Funkertreffen ist Muffe nicht mehr gekommen. Ihm haben die Leute dann doch nicht so gefallen, die waren ihm, glaube ich, nicht genug überzeugt von der Funkerei, die wollten eben oft nur ihr Bier trinken und ein bisschen quatschen. Ich gehe noch hin, aber nur, weil ich es im Andenken an Muffe tue, weil mich der Raum und die Gerüche und das Gequatsche immer auch ein bisschen an Muffe erinnern und ich irgendwie Angst habe, ihn sonst zu vergessen. Natürlich waren alle ziemlich betroffen, aber lang hat die Trauer nicht angehalten, und dann ging es im alten Trott auch schon weiter. Für mich aber hat sich einiges verändert, nicht äußerlich, ich mache weiter das, was ich schon die ganze Zeit mache, aber in meinen Gedanken, in dem, wie ich so durch den Tag gehe. Ich bin nie gläubig gewesen, keine Spur, aber jetzt sitze ich manchmal in meiner Küche oder im Gambrinus und murmle vor mich hin, dann sage ich: »Bitte mach, dass es schnell gegangen ist. Dass Muffe nichts gespürt hat.«

 

Sabine sagt: »Schön, dass wir uns mal kennengelernt haben.« Da nicke ich nur. Jetzt sieht sie Muffe gar nicht mehr so ähnlich, sie wirkt auf einmal größer, ist auch ein bisschen schöner als er. Sie bezahlt unsere Limos und sagt, dass sie jetzt losmüsse, sie habe noch ein paar Dinge zu erledigen, die Wohnung müsse aufgelöst werden, Behördensachen. Ich sage, wenn ich ihr helfen kann, dann solle sie sich bei mir melden, und dann schreibe ich ihr meine Telefonnummer auf ein Stück Serviette. »Ja, danke«, sagt Sabine und reicht mir die Hand. Dann geht sie weg. Ich schaue ihr solange nach, bis sie zwischen den Menschen verschwunden ist, und kurz kommt es mir dann so vor, als verschwinde da gerade Muffe, als sei es Muffe, der geduldig an der Rolltreppe darauf wartet, den richtigen Moment zu erwischen. Ich gehe auch los, in die entgegengesetzte Richtung. Den restlichen Tag kann ich mir schenken, und ich beschließe, nochmal zu der Stelle zu gehen. Es passierte an der Rückseite eines Sportfachgeschäfts. Petra war alleine unterwegs, sie kam von einer Party, sie war schon leicht angetrunken. Aber sie war so glücklich über ihre erste Party, dass sie die Typen gar nicht bemerkte, die ihr schon längere Zeit folgten. Einer trat ihr in den Rücken, und Petra fiel um. Dabei verrutschte ihre Perücke. Die Typen haben sie getreten und angespuckt, einer hat Petra den Rock runtergerissen und sie mit einer Bierflasche vergewaltigt. Dann haben alle auf sie draufgepinkelt und sind abgehauen. Petra ist zwei Tage später auf der Intensivstation wegen der vielen Tritte gegen den Kopf gestorben. Das konnte man alles in der Zeitung lesen, auch, dass sie die Typen schnell geschnappt haben und die jetzt in U-Haft sitzen.

 

An der Hauswand liegen ein paar Blumen, ein Grablicht brennt. Der dunkle Fleck auf dem Pflaster ist noch immer zu sehen, es hat seitdem nicht geregnet. Kurz wird mir übel, aber dann geht es schon wieder. Es ist noch immer sehr warm und ich ziehe das Jackett aus, hänge es mir über die Schulter. Einen Augenblick lang habe ich das Gefühl, Muffe steht neben mir, er sagt etwas zu dem Fleck auf dem Boden, und dann lacht er oder kichert. »Muffe«, sag ich, »Mensch Muffe«. Ich erschrecke jetzt, weil ich wirklich mit Muffe gesprochen hab. Besser, ich geh jetzt mal. Auf der Straße ist kaum was los, und ich finde, dass das eine angemessene Reaktion ist. Ich werde mich sofort ins Bett legen, eine Limonade trinken und ein bisschen im Funkamateur blättern. Wenn ich nicht zu müde bin, lese ich noch einen von Muffes alten Artikeln, so habe ich dann das Gefühl, dass er zu mir spricht, irgendwie. Und als ich jetzt vor der Tür stehe und nach dem Schlüssel krame, wird mir klar, dass es nicht nur Muffe ist, der mir fehlen wird, sondern auch Petra, und dass heute eigentlich zwei Menschen gleichzeitig in das Urnenregal gestellt wurden, auch wenn der Pfarrer immer nur von einem gesprochen hat.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0